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Alarmstimmung im Rettungswesen: In der Nordoberpfalz droht Notarztmangel

Meldung vom 18.08.2020 Droht der Kollaps im Notarzt-System? Wenn sich nicht bald etwas ändert, liegt die Notarztversorgung der Region in spätestens fünf Jahren brach. Deswegen soll etwas passieren. Doch das kostet viel Geld – und noch mehr Überzeugungsarbeit.

Die Zukunft der Notarztversorgung in der Region ist nur verschwommen wahrnehmbar. Viele erfahrene Notfallmediziner verabschieden sich demnächst in den Ruhestand, Nachfolger sind bislang aber kaum in Sicht.

Es sind zu wenige. Sie sind zu alt. Sie verdienen dabei schlecht. Die Ausbildung dauert lang. Und den anderen fehlt es an Herzblut für die Sache. So lässt sich in dürren Worten erklären, warum Notärzte zwischen Waldershof und Tännesberg allmählich zur bedrohten Art werden. Um das zu ändern, haben Dr. Gudrun Graf und Dr. Jürgen Altmeppen ein Konzept erarbeitet.

Beide sind überzeugt: Alle sieben Notarztstandorte der Nordoberpfalz sind zu halten, wenn man rechtzeitig gegensteuert. Die Alternative wären fünf Standorte und eine längere Anfahrtszeit von 25 statt 20 Minuten. Bleibt der Nachwuchs aus, fürchtet Altmeppen ganz andere Horrorszenarien: "Ich möchte mir keinen Unfall mit einem vollen Bus auf der Autobahn vorstellen, bei dem die Anweisungen für die Einsatzkräfte vor Ort vom Tele-Notarzt in München kommen."

 

Dreijähriges Modellprojekt

Was also ist zu tun? Die Verbandsversammlung des ZRF stellte am 29. Juli 2020 in der Max-Reger-Halle die Weichen für ein Modellprojekt vor, mit dem jüngeren Medizinern der Notarztdienst schmackhaft gemacht werden soll.

Altmeppen hätte dazu gerne eine Stelle mehr: "Dann kann ich einem jungen Menschen in einem halben Jahr so viel beibringen, dass er keine Angst mehr hat, Notarzt zu fahren", ist der Chef der Anästhesie und Intensivmedizin am Klinikum Weiden überzeugt. Der reine Notarztschein reiche nicht mehr. Jüngere müssten von erfahrenen Kollegen länger unter die Fittiche genommen werden.

Altmeppen schwebt daneben ein Back-up-Notarzt vor, den die Leitstelle bereitstellt. Bei Problemen am Einsatzort kann dieser Kollege von außen mit Rat und Tat helfen. Gleiches gilt bei der Unterstützung für die Abrechnung danach.

Eine andere Zielgruppe, aus der Nachwuchs zu gewinnen wäre, sei nicht ausgeschöpft: ausländische Ärzte. Die hätten vor dem Notarztdienst noch zu oft Scheu - sei es wegen Sprachproblemen, speziell wenn es um Einsätze auf dem Land geht, sei es weil sie fremdeln, wenn sie zwischen Feuerwehr, Polizei und Sanitätern koordinierend eingreifen sollen. "Da müssten wir noch mehr integrativ tätig werden."

 

Größerer Hubschrauber

Ein weiterer Schritt: Wenn der Flugplatz Latsch einen neuen Rettungshubschrauber bekommt, soll es ein etwas größeres Modell mit einem "learning seat" sein. Dann hätte im Helikopter auch noch ein angehender Notarzt oder Notfallsanitäter Platz, um einen erfahrenen Arzt zu begleiten und dabei das Können zu erweitern. Um all dies finanzieren zu können, wünscht sich Gudrun Graf vom Freistaat ein ähnliches Programm für Notärzte, wie er es für Studenten aufgelegt hat, die sich verpflichten, später als Landärzte zu arbeiten. Doch so lange es das nicht gibt, muss der ZRF ran, sprich die Stadt Weiden und die Landkreise Neustadt und Tirschenreuth. Bisher hat die Kliniken Nordoberpfalz AG die Notarztausbildung finanziert, ohne dass dies durch das Fallpauschalensystem ausgeglichen worden wäre.

Die Kliniken bekämen nun dank des ZRF finanziell ein bisschen mehr Luft. Die Verbandsversammlung nickte das Konzept ab. Starten kann es aber erst, wenn im Herbst der Haushalt genehmigt wird.

Das auf drei Jahre befristete Modellprojekt nach dem Graf-Altmeppen-Konzept sieht vor, jedes Jahr vier junge Mediziner, die sich der Region verbunden fühlen, zu Notärzten auszubilden. Jeder davon kostet rund 55 000 Euro, im Jahr sind das 220 000 Euro. Darüber hinaus seien rund 30 000 Euro Anschubfinanzierung nötig. Ferner fallen Kosten für Material, Trainingsgeräte und Organisation an.

 

 

Mit all dem kämen innerhalb von drei Jahren zwölf neue Notärzte an Bord. Das Problem wäre aber noch lange nicht gelöst. Denn von den 122 Notärzten der Nordoberpfalz sind 60 Prozent über 50. Und diese 50- bis 65-Jährigen fahren drei Viertel aller Einsätze. "Nur 13 Prozent aller Humanmediziner entscheiden sich dafür, am Notarztdienst teilzunehmen", bedauert ZRF-Geschäftsleiter Alfred Rast. Eine Alternative wären mehr Kompetenzen für Notfallsanitäter. Die dürfen zwar schmerztherapeutisch Hand anlegen, müssen aber für weitere Schritte den Notarzt rufen.

 

Hoffen auf Nachahmer

Das Modellprojekt ist im besten Fall ein Tuch, um das Image der Notfallmedizin aufzupolieren, hofft Altmeppen. Er setzt auf Nachahmereffekte bei Jungmedizinern. "Wir wollen zeigen, wie erfüllend der Dienst sein kann." Der Chefarzt kennt das aus eigenem Erleben. Er hat bei einem Notfall unter anderem ein kleines Mädchen gerettet, als es ein Säugling war. "Das ist heute eine gesunde 15-Jährige, so was ist doch toll."

Woran es grundsätzlich hapert, weiß er aber auch: "Solange es in Deutschland mehr kostet, einen Schlüsseldienst zu holen als einen Notarzt, brauchen wir gar nicht zu diskutieren."